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Mängelfreiheit oder Geld zurück

Viele gängige Dienstleistungen sind juristisch als Werkverträge zu qualifizieren: sei es das Haareschneiden, die Reparatur des Fahrrads, die Reinigung von Kleidungsstücken oder der Neuanstrich der Wände.

Zugegeben, der Durchschnittskundin wird es herzlich egal sein, auf welcher vertraglichen Grundlage ihr neuer Haarschnitt basiert. Interessieren dürfte es sie aber spätestens dann, wenn sie im Spiegel statt des vereinbarten Ponys eine Glatze erblickt. Im Gegensatz zu anderen Verträgen sieht das Werkvertragsrecht bei mangelhaftem Arbeitsergebnis nämlich verschiedene Gewährleistungsrechte vor. Eines davon besteht in der Aufhebung des Vertrags (sog. Wandlung). Sind die Ärmel des massgeschneiderten Sakkos deutlich zu kurz geraten, kann der Besteller die Annahme des Sakkos und die Bezahlung des vereinbarten Preises verweigern. Die Haare der kahlrasierten Kundin liegen jedoch bereits auf dem Fussboden des Coiffeursalons, auch eine Berufung auf das Wandlungsrecht vermag die Rasur nicht mehr rückgängig zu machen. Die Wandlung führt somit zunächst nur zur Unentgeltlichkeit des missglückten Coiffeurbesuchs.

Als alternative Gewährleistungsrechte zur Wandlung kommen die Minderung oder die Nachbesserung in Frage. Die Minderung bedeutet eine Preisreduktion, während die Nachbesserung den Anbieter zur Behebung des Mangels verpflichtet. Sofern der Mangel nicht derart gravierend ist, dass sich ein Vertragsrücktritt rechtfertigt, kann die Bestellerin nur zwischen Minderung und Nachbesserung wählen. Eine Nachbesserung kann allerdings dann nicht verlangt werden, wenn die Kosten dafür unverhältnismässig hoch wären. Die beiden letztgenannten Gewährleistungsrechte sind für die Coiffeurkundin keine nützliche Option. Die Preisminderung führt zum gleichen Ergebnis wie die Vertragsaufhebung (es sei denn, dem Coiffeur gelingt es aufzuzeigen, dass die Glatze nicht derart weit vom Pony entfernt ist und die Haare im Sinne der Kundin zumindest gekürzt worden sind, so dass ein reduzierter Preis geschuldet sei) und aus einer Glatze lässt sich, auch mit noch so gehörigem Nachbesserungswille, kein Pony mehr formen.

Zusätzlich zu Wandlung, Minderung oder Nachbesserung ist bei Verschulden des Anbieters Schadenersatz geschuldet. Arbeitet die neuerdings kahlköpfige Coiffeurkundin als Model, könnte sie unter diesem Titel Ersatz für allfällig entgangenes Auftragshonorar verlangen, oder ansonsten zumindest die Übernahme der Kosten einer Perücke. In Frage kommt zudem die Leistung einer Genugtuung zur finanziellen Abgeltung des erlittenen Unrechts.

Um von den Mängelrechten Gebrauch machen zu können, sind eine sofortige und detaillierte Rüge sowie die Einhaltung der Verjährungsfristen nötig. Dazu ein andermal.

Von MLaw Severin Gabathuler, publiziert im Sarganserländer und in der Linth Zeitung